Wahlanalyse Bundestagswahl 2009

SPD am Boden - Kleine Parteien historisch stark

(Mannheim, 28.09.2009) Bei der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag wird die Union trotz Verlusten mit klarem Abstand stärkste Partei, die SPD fällt auf ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt. Gewinner der Bundestagswahl sind durchweg die kleineren Parteien, die in der Summe so stark sind wie niemals zuvor in der Geschichte der Republik. FDP, Grüne und Linke erzielen ausnahmslos Rekordergebnisse.
Wahlergebnis Bundestwagswahl 2009
Die zentralen Elemente des Wahlsieges der Union sind ihre Leistungsbilanz, ihr Parteiansehen und primär eine Kanzlerin, die mit guter Arbeit und bester Reputation die teils erheblichen Vertrauensverluste in die Sachkompetenzen der C-Parteien kompensiert. Vor allem aber kann Merkel ihren SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier in der K-Frage klar distanzieren, was bei einem gestiegenen Kandidatenfaktor hohe Bedeutung besitzt. Die SPD, im Kabinett wie als Partei besser bewertet als 2005, hatte ein strategisches Dilemma: Neben einer stärker in die Mitte gerückten Union verliert sie nach links Wähler, deren Wünsche sie als Regierungspartei nicht bedienen kann. Hinzu kommt eine auf ein Rekordtief von 70,8 Prozent (minus 6,8 Prozentpunkte) gesunkene Wahlbeteiligung, die nach einem themenarmen, nicht polarisierenden Wahlkampf auf ein signifikantes Mobilisierungsdefizit der SPD verweist.
Für den großen Erfolg der kleineren Parteien ist zunächst deren stark gestiegenes Ansehen verantwortlich: Auf der +5/-5-Skala werden die FDP mit 0,6 (2005: 0,0) und die Grünen mit 0,6 (2005: minus 0,2) klar verbessert, und die Linke mit minus 1,5 (2005: minus 2,4) weit weniger negativ als zuletzt eingestuft. Die SPD kann sich auf 1,0 (2005: 0,8), die Union auf 1,2 (2005: 0,9) verbessern.
Nochmals erheblich besser als das Ansehen der C-Parteien ist aber der persönliche Imagewert Angela Merkels, die mit insgesamt 1,9 und positiven Noten in allen Lagern das höchste Ansehen eines Kanzlerkandidaten bei einer Bundestagswahl nach 1990 erzielt. Basis hierfür ist eine ausgezeichnete Leistungsbilanz, wo ihr ähnlich wie in der gesamten Legislaturperiode 78 Prozent eher gute und nur 18 Prozent eher schlechte Arbeit bescheinigen. Zwar würden von einem Kanzler Steinmeier in der Sache 58 Prozent nicht viel anderes erwarten (besser: 15 Prozent; schlechter: 19 Prozent), und auch beim Eigenschaftsvergleich sieht die Mehrheit der Bürger oft keinen Unterschied. Doch im Detail gilt dann die Kanzlerin als glaubwürdiger und sympathischer, als weitaus durchsetzungsfähiger sowie als diejenige, die Deutschland besser aus der Krise führen kann.
Das hervorragende Image, die guten Bilanzen im Kanzleramt und das Gesamtplus im Eigenschaftsvergleich führen zu einem klaren Ergebnis in der Kanzler-Frage: 56 Prozent wollen lieber Angela Merkel und 33 Prozent Frank-Walter Steinmeier als Regierungschef (weiß nicht: 11 Prozent). Verstärkt wird der Vorteil durch eine gewachsene Bedeutung der Kandidaten, da nach 19 Prozent 2005 heute für insgesamt 28 Prozent sowie 37 der CDU/CSU-Anhänger wichtiger ist, wer Kanzler wird, und nicht, welche Parteien nach der Wahl zusammen die Regierung bilden (62 Prozent; 2005: 72 Prozent).
Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, eindeutig größtes Problem für die Deutschen, vertrauen nach 41 Prozent 2005 jetzt noch 29 Prozent auf die CDU/CSU, unverändert 21 Prozent (2005: 21 Prozent) nennen die SPD. Kompetenzeinbußen gibt es für die Union auch in den Bereichen Bildung und Steuern, wo immer mehr Bürger bei überhaupt keiner Partei Sachverstand sehen. Die Linke erzielt ihren relativ höchsten Zuspruch mit zehn Prozent in der Sozialpolitik bzw. mit 15 Prozent in Ost-West-Fragen, die Grünen mit zehn Prozent im Familienbereich und die FDP mit elf Prozent bei den Steuern. Dass diese nach der Wahl gesenkt werden, bezweifeln aber nicht nur 90 Prozent aller Deutschen, sondern auch 87 Prozent der FDP-Anhänger.
Die zentrale Stütze des Wahlsieges der CDU/CSU sind einmal mehr die über 60-Jährigen: Hier holt die Union 42 Prozent, bleibt aber in allen anderen Altersgruppen unter ihrem Gesamtresultat. Auch die SPD erzielt mit 28 Prozent bei den über 60-Jährigen ihr bestes Ergebnis. Bei den unter 30-Jährigen hat sie mit minus 18 Prozentpunkten dramatische Einbußen, kommt noch auf 16 Prozent und liegt knapp hinter der FDP (17 Prozent; plus fünf). Die Grünen sind bei den unter 30-Jährigen mit 14 Prozent (plus vier) ebenfalls stark, die Linke holt in den Altersgruppen bei den 45- bis 59-Jährigen mit 14 Prozent (plus drei) ihr bestes Ergebnis. Eindeutig stärkste Partei wird die Linke bei arbeitslosen Wählern mit 31 Prozent (plus sieben), die SPD kann diesen Status als stärkste Partei mit 34 Prozent (minus 14) nur noch bei Gewerkschaftsmitgliedern halten.
In Bündnisfragen kommt es zu einer Polarisierung zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb, wobei keine Variante wirklich überzeugt: Eine große Koalition fänden 37 Prozent gut, 39 Prozent schlecht und 21 Prozent egal. Schwarz-Gelb bewerten 39 Prozent positiv und 40 Prozent negativ (egal: 17 Prozent). Stark profitiert von der Koalitionsdiskussion hat die FDP, da 32 Prozent ihrer Wähler prinzipiell der CDU/CSU näher stehen.
Die Bundestagswahl markiert einen historischen Tiefpunkt für eine SPD, die sich zum Erhalt einer realistischen Machtoption jenseits der C-Parteien neu ausrichten muss. Damit wird sich auf nationaler Ebene eine Neujustierung im Parteienwettbewerb beschleunigen, die in vielen Bundesländern längst Realität ist. Für die CDU/CSU, die trotz des SPD-Einbruchs leichte Verluste hat, dürfte die Lage ebenfalls schwieriger werden. Nach vier Jahren großer Koalition bringt dieses Wahlergebnis eine Wiederbelebung der klassischen Lagerorientierung auch im Verhältnis von Regierungs- und Oppositionsparteien. Parallel setzt sich mit dem großen Erfolg der kleineren Parteien ein langfristiger Basistrend fort, der von allen Parteien zukünftig mehr Flexibilität auf dem Koalitionsmarkt erfordert.
Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.657 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Deutschland in der Woche vor der Wahl sowie auf einer Befragung von 21.061 Wählern am Wahltag.
Grafiken zur Wahl finden Sie beim ZDF unter:
http://www.heute.de

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Seite zuletzt geändert am 12.10.2009 um 11:37 Uhr

Bundestagswahl 2009
Die Kurzanalyse mit Grafiken (PDF, 63 KB) zur Bundestagswahl 2009.