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Die Demoskopen sollen mal wieder versagt haben

Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen

(Mannheim, Januar 2017) Spätestens nach der US-Wahl scheint man sich in vielen Medien im In- und Ausland einig zu sein, dass die Demoskopen (mal wieder) vollkommen versagt haben. Deshalb lohnt es sich, da etwas genauer hinzusehen. Das ist nicht nur notwendig, weil die Kollegen in Großbritannien, USA und Österreich eine faire Bewertung ihrer Arbeit verdient haben, sondern auch weil die ungerechtfertigten Vorwürfe dazu benutzt werden, auch hierzulande Stimmung gegen die Meinungsforschung zu machen. Aktuell steht dabei im Fokus, dass angesichts des europaweit wachsenden Populismus, dieser mit Umfragen nicht (mehr) korrekt erfassbar sein soll.
Brexit
In den Umfragen über den Verbleib Großbritanniens in der EU führten über viele Monate hinweg die Anhänger des Remain. Allerdings zeigten die Umfragen, die in den Tagen vor der Abstimmung veröffentlicht wurden, einen deutlich knapper werdenden Vorsprung des Remain-Lagers. Die letzten Umfragen ergaben im Durchschnitt ein Ergebnis von 52 Prozent zu 48 Prozent für den Verbleib in der EU. Angesichts der solchen Umfragen innewohnenden statistischen Fehlerbereiche kann man einen solchen Befund seriöserweise lediglich als ein Kopf-an-Kopf-Rennen klassifizieren. Mit einer Ausnahme haben sich deshalb die führenden Meinungsforschungsinstitute in Hinblick auf eine Prognose des Ausgangs der Abstimmung stark zurückgehalten. Zudem wurde die Situation durch die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox wenige Tage vor der Abstimmung weiter unkalkulierbar. Lediglich der langjährige Chef von YouGov, Peter Kellner, hatte sich medienwirksam klar auf einen Sieg des Remain-Lagers festgelegt. Die Online-Umfrage von YouGov selbst hatte aber nur einen Vorsprung von 52 Prozent zu 48 Prozent ermittelt, den YouGov selbst zwar als "too close to call" allerdings mit einem "recent trend toward Remain" bezeichnet hatte.
US-Präsidentschaftswahl
Man kann es sich in diesem Fall leicht machen und einfach auf die Schlagzeile des Berliner Tagesspiegel einen Tag vor der US-Präsidentschaftswahl verweisen: „Amerikas Demoskopen warnen vor Überraschungen“, stand da in großen Lettern auf Seite eins. Insofern liegt im Falle der US-Wahl offensichtlich weniger ein Versagen der Meinungsforscher vor als vielmehr eine weit verbreitete, inadäquate Interpretation von Umfrageergebnissen durch große Teile der Medienlandschaft, aber vor allem durch einige sogenannte "Strategen". Die Fehleinschätzung resultiert vor allem daher, dass viele Beobachter für den Ausgang der US-Wahl Umfragen zur Popular Vote, also dem prozentualen Abschneiden bezogen auf das ganze Land, herangezogen haben. Das ignoriert aber völlig das geltende Wahlsystem, bei dem es letztlich nur auf das Abschneiden in einer guten Handvoll Swing-States ankommt. Aber selbst die Popular Vote war nicht so schlecht, denn Clinton hat ja auch in der Tat landesweit mehr als 2,8 Millionen Stimmen mehr bekommen als Trump, was die Umfragen im Durchschnitt ja mit knapper werdender Tendenz durchaus richtig wiedergegeben haben (und einem angegebenen Anteil von rund 10 Prozent Unentschlossenen).
Relevant ist aber nur das Wahlmännerergebnis. Dafür braucht es zumindest in allen Swing-States (und noch ein paar mehr) bundesstaatenspezifische solide und regelmäßige Umfragen, die auch jemand finanzieren muss. Und das Mediensystem muss dann zwischen den soliden und den 500er-Online-Umfragen unterscheiden und das differenziert bewerten.
Wenn man dieses Sichten und Bewerten der vielen Umfragen, die in den einzelnen Staaten erhoben wurden, seriös gemacht hat, musste man unmittelbar vor der Wahl mit einem unentscheidbaren Kopf-an-Kopf-Rennen rechnen. Und wenn die Meinungsforscher etwas als unentscheidbar knapp einstufen, dann muss man das eben auch so hinnehmen. So hat die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF nur durch die Bewertung einer Vielzahl von Meinungsumfragen ganz unterschiedlicher Qualität insgesamt 115 Wahlmännerstimmen vor Beginn des Vorliegens der ersten exit-poll-Ergebnisse am Wahlabend als unbestimmt eingestuft, was einen offenen Ausgang der Wahl implizierte und ganz sicher keinen sicheren Sieg für Clinton und auch keinen knappen. Und faktisch war der Ausgang der Wahl ja auch in den entscheidenden Bundesstaaten extrem knapp.
© ZDF.de
Vereinzelte Institute mögen ja mit zum Teil sehr seltsamen Verfahren mit einer Prognose eines Trump-Sieges richtig gelegen haben; wissenschaftlich korrekt war ihr Ergebnis aber dennoch nicht, weil es nicht die tatsächliche extreme Knappheit der Situation wiedergegeben hat, die es nicht erlaubte, seriös einen Gewinner vorher zu ermitteln.
Bundespräsidentenwahl in Österreich
Auch bei der Wiederholungswahl für den österreichischen Bundespräsidenten wollen die Medien ein Versagen der Demoskopen festgestellt haben. Wenn man genau hinsieht, stellt man allerdings fest, dass die beiden letzten Umfragen in Österreich am 17. November 2016 veröffentlicht wurden (von Gallup und Unique Research). Sie waren somit ca. drei Wochen vor dem Wahlgang durchgeführt worden und kamen beide zu einem Kopf-an-Kopf-Ergebnis (49 Prozent zu 51 Prozent bzw. 52 Prozent zu 48 Prozent). Die meisten Medien in Österreich hatten sich vor dieser Wahl geweigert, Umfrageergebnisse zu veröffentlichen bzw. in Auftrag zu geben. Allein der große Abstand der Umfragen zur tatsächlichen Wahlentscheidung, die zum Beispiel den Strategiewechsel von Norbert Hofer von der FPÖ in den letzten Tagen vor der Wahl nicht mehr berücksichtigen konnte, lässt eigentlich nur die Feststellung zu, dass es für die Wahlentscheidung am 4. Dezember keine aktuellen Umfrage gegeben hat und somit auch keine Umfragen falsch oder richtig sein konnten. Von daher ist auch in diesem Fall die Behauptung, dass die Demoskopen kläglich versagt hätten, schlichtweg unzutreffend.
Fazit
Soweit Umfragen vorlagen, waren diese objektiv gesehen also gar nicht so falsch. Wenn die Umfrageergebnisse aber – anders als es überall behauptet wird – gar nicht so falsch waren, dann stellt sich auch die Frage, ob populistische Strömungen generell mit Hilfe von Umfragen überhaupt angemessen abgebildet werden können, gar nicht mehr so brisant.
Auszug aus: "Demoskopenbashing – ein journalistisches Ritual", Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
Demoskopenbashing – ein journalistisches Ritual
Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
Kompletter Beitrag erschienen in: Die Politische Meinung Heft März/April 2017

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Seite zuletzt geändert am 25.07.2017 um 09:52 Uhr

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Demoskopenbashing – ein journalistisches Ritual
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