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Wahlanalyse Bayern 2018

Hausgemachter CSU-Absturz und historisches SPD-Tief –
Grüne mit Rekord-Ergebnis im Sechs-Parteien-Landtag

(Mannheim, 15.10.2018) Bei der Landtagswahl in Bayern stürzt die CSU mit 37,2 Prozent (minus 10,4 Prozentpunkte) auf ihr zweitschlechtestes Ergebnis im Freistaat, die SPD fällt mit 9,7 Prozent (minus 10,9) auf ein historisches Tief bei Landtagswahlen. Die Grünen werden mit einem Rekordergebnis von 17,5 Prozent (plus 8,9) zweitstärkste Kraft, die Freien Wähler erzielen mit 11,6 (plus 2,6) im Land ebenfalls einen Rekord. Die FDP schafft mit 5,1 Prozent (plus 1,8) knapp die Fünf-Prozent-Hürde und mit 10,2 Prozent ist nun auch die AfD im bayerischen Landtag vertreten, der mit sechs Fraktionen so stark fragmentiert ist wie nie zuvor. Die Linke kommt auf 3,2 Prozent (plus 1,1). Alle sonstigen Parteien erreichen in der Summe 5,4 Prozent (minus 3,3). Die Wahlbeteiligung steigt bei der zehnten Landtagswahl infolge deutlich an und ist nach einem Plus von 8,8 Prozentpunkten – dem stärksten Zuwachs in Bayern überhaupt – mit 72,4 Prozent im Freistaat so hoch wie seit 1982 nicht mehr.
Die Gründe für den CSU-Absturz sind primär hausgemacht. Bei Regierungsbilanz, Parteiansehen und Sachkompetenzen mit ungewohnten Defiziten, hat die CSU zunächst ein erhebliches Personalproblem: Neben einem schwach bewerteten Ministerpräsidenten steht in Bayern ein massiv kritisierter Parteichef, der genau wie die – nach Ansicht der Befragten – wahltaktisch motivierte Konfrontation mit der CDU im Bund der eigenen Partei heftig geschadet hat. Für 65 Prozent der Befragten hat die CSU „das Gespür verloren für das, was die Bayern wirklich bewegt“.
Bei der Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten bevorzugen 44 Prozent Markus Söder (CSU) und 21 Prozent den Grünen-Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann (keinen davon: fünf Prozent; kenne Hartmann nicht: 24 Prozent). Söder gilt zwar als kompetent, zeigt aber bei „Glaubwürdigkeit“ und „Sympathie“ Schwächen; nur 53 Prozent (Seehofer 2013: 75 Prozent) bewerten seine Arbeit als Ministerpräsident positiv.
Beim Ansehen bleibt Söder mit nur 0,6 auf der +5/-5-Skala weit unter dem Niveau früherer bayerischer Regierungschefs. Horst Seehofer, 2013 noch bei 1,9, stürzt auf miserable minus 0,6: Nach Ansicht von 65 Prozent der Befragten hat er der CSU geschadet (war hilfreich: 13 Prozent; weder noch: 19 Prozent). Auch Angela Merkel war bei deutlich gesunkenem Ansehen (0,6; 2013: 2,3) kein Zugpferd, zumal sie eine Bundesregierung repräsentiert, die in Bayern so schwach bewertet wird wie kein unionsgeführtes Kabinett zuvor.
Besser als die Bundesregierung, aber deutlich schwächer als sämtliche Vorgängerregierungen im Land, wird die Arbeit der CSU in der Staatsregierung gesehen (0,8; 2013: 1,9). Beim Ansehen verliert die Traditionspartei ihre Sonderstellung: Mit hoher Reputation über Jahrzehnte in einer ganz eigenen Liga, fällt die CSU mit 1,3 (2013: 2,3) nun knapp hinter die Freien Wähler (1,4; 2013: 1,1) zurück. Die Grünen erzielen nach einem Imageplus 0,8 (2013: 0,2), die SPD rutscht klar ab (0,1; 2013: 0,6), wogegen sich die FDP beim Ansehen erholt (0,4; 2013: minus 0,3).
Die AfD hat mit minus 3,2 in Bayern ein miserables Image – wohl auch, weil 78 Prozent in dieser Partei rechtsextremes Gedankengut weit verbreitet sehen. Für 48 Prozent trifft der Vorwurf zu, wonach die CSU partiell AfD-Inhalte übernommen hat, was der AfD nach Ansicht der Befragten eher genutzt und der CSU klar geschadet hat. 43 Prozent meinen, eine zuletzt „weit nach rechts gerückte CSU ist für viele Bürger in der politischen Mitte nicht mehr wählbar“.
Die Grünen stehen hingegen für 55 Prozent aller Befragten „in Bayern für eine modern-bürgerliche Politik“. Beim wichtigsten Thema Flüchtlinge und Asyl erzielen sie relativ viel Zuspruch (CSU: 32 Prozent, Grüne: 16 Prozent; SPD 11 Prozent; AfD: neun Prozent; andere: 13 Prozent; keine/weiß nicht: 19 Prozent), und werden jetzt neben „Umwelt“ auch häufiger als 2013 bei „Familie“ „Sozialer Gerechtigkeit“ und „Zukunft“ als kompetent eingestuft. Genau hier sowie bei „Bildung“ verliert die SPD Vertrauen, beim zweitwichtigsten Problem „Wohnungsmarkt“ ist die SPD vergleichsweise stark.
Dennoch bricht die SPD jetzt besonders dramatisch in Städten mit über 100.000 Einwohnern auf 13 Prozent (minus 16) ein, wogegen die Grünen mit 28 Prozent (plus 15) hier jetzt knapp die CSU überholen (27 Prozent; minus elf). In Gemeinden mit unter 5.000 Einwohnern bleibt die CSU mit 42 Prozent (minus neun) konkurrenzlos. Freie Wähler (15 Prozent; plus vier) und Grüne (13 Prozent; plus sechs) liegen dort nahe beieinander.
Zentrale Stütze der CSU bleiben die älteren Wähler: Trotz hoher Verluste liegt die CSU mit 47 Prozent bei den ab 60-Jährigen souverän vor Grünen, Freien Wählern und SPD (zwölf, elf bzw. 14 Prozent). Bei allen unter 60-Jährigen kommt die CSU nur noch auf 32 Prozent, die Grünen schaffen hier 21 Prozent. Die SPD – jetzt nur noch in der Generation 60plus zweistellig – fällt bei allen unter 60-Jährigen sichtbar hinter die AfD zurück, wobei die AfD nach bekannten Mustern von Männern aus den mittleren Altersgruppen den stärksten Zuspruch erzielt.
Nachdem die CSU mit rückläufiger Integrationsfähigkeit in praktisch allen sozialen Gruppen ihren Nimbus als prädominante Partei verliert, ist das Ergebnis auch ein Votum gegen die etabliert-landestypische Machtkonzentration. So wird das Modell CSU-Alleinregierung im Freistaat klar abgelehnt, wogegen 49 Prozent eine CSU/Freie-Wähler-Koalition und 47 Prozent Schwarz-Grün in Bayern zukünftig gut fänden (schlecht: 25 bzw. 38 Prozent; egal: 20 bzw. 12 Prozent).

Informationen zu den Umfragen

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.555 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Bayern in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 21.183 Wählern am Wahltag.

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Seite zuletzt geändert am 17.10.2018 um 19:20 Uhr

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