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Wahlanalyse Niedersachsen 2017

Starker SPD-Wahlsieg bei vorgezogener Neuwahl
Rot-Grün nach AfD-Mandaten und Grünen-Einbruch ohne Mehrheit

(Mannheim, 16.10.2017) In Niedersachsen wird die SPD zum ersten Mal seit 1998 wieder stärkste Partei und kommt nach einem klaren Plus auf 36,9 Prozent (plus 4,3). Die CDU (33,6 Prozent; minus 2,4) hat ebenso Verluste wie die Grünen (8,7 Prozent; minus 5,0) und die FDP (7,5 Prozent; minus 2,4). Die Linke (4,6 Prozent; plus 1,5) kann zulegen, verfehlt aber den Wiedereinzug in den Landtag. Die AfD erzielt gemessen an ihren teils spektakulären Erfolgen der letzten Wahlen mit 6,2 Prozent ein eher mäßiges Ergebnis, wird damit aber zukünftig auch im 14. Bundesland parlamentarisch vertreten sein. Wie bei allen anderen acht Landtagswahlen der letzten gut anderthalb Jahre ist die Wahlbeteiligung auch in Niedersachsen auf jetzt 63,1 Prozent (plus 3,7) gestiegen.
Dass die CDU nach der dritten verlustreichen Niedersachsen-Wahl in Folge auf ihr schwächstes Ergebnis seit den 1950er Jahren rutscht, hat bei einer klar landespolitisch geprägten Wahl personelle, inhaltliche und imagebezogene Gründe. Vor allem treffen die Christdemokraten in einer vielschichtigen Konkurrenzsituation neben der FDP und der AfD auf eine starke SPD, die mit Sachkompetenz, guter Regierungsarbeit, hoher Reputation und einem angesehenen Regierungschef erfolgreich in der besonders ertragreichen politischen Mitte punktet.
Repräsentant dieser lagerübergreifenden Integrationsfähigkeit ist zunächst Stephan Weil (SPD). Neben einer ordentlichen Leistungsbilanz – 67 Prozent sprechen von guter Arbeit – überzeugt der Ministerpräsident mit einem sehr guten Imagewert von 2,0 auf der +5/-5-Skala, der auch auf geringer Polarisierung beruht. Herausforderer Bernd Althusmann (CDU), unter SPD-, Grünen- und Linke-Wählern mit Negativimage, wird mit 0,8 so schwach bewertet wie kein niedersächsischer CDU-Spitzenkandidat zuvor. Letztendlich wollen 50 Prozent Weil und nur 32 Prozent Althusmann als Regierungschef.
Erheblich besser als der christdemokratische Spitzenkandidat vor Ort wird in Niedersachsen Angela Merkel bewertet (1,8). Dennoch entwickelt die Kanzlerin hier weniger Zugkraft als etwa in Nordrhein-Westfalen: 33 Prozent der Befragten meinen, Merkel ist für die CDU hilfreich (schadet: 19 Prozent; weder/noch: 44 Prozent), wobei jetzt auch die Landespolitik für 61 Prozent der Wähler wichtiger war. Dabei kämpft die CDU neben mäßigen Noten für ihre Oppositionsleistung mit Reputationseinbußen als Landespartei (1,2; 2013 1,7), wogegen die Niedersachsen-SPD beim Ansehen Rekordniveau erreicht (2,0; 2013 1,5).
Ein Grund für das SPD-Imageplus ist viel Zufriedenheit mit der Regierungsarbeit, wobei koalitionsintern ein klares Gefälle besteht: Konträr zur SPD wird die Arbeit der Grünen eher kritisch gesehen. Hinzu kommen leichte Imageverluste der Grünen als Landespartei (0,8; 2013: 1,0). Die FDP überzeugt qualitativ ebenfalls nur bedingt, kann sich aber beim Ansehen rehabilitieren (0,7; 2013: -1,0). Einen besonders miserablen Ruf hat in Niedersachsen die AfD (-3,8), der jetzt auch wichtige Mobilisierungsthemen fehlen. Der Bund bietet übergangsbedingt zurzeit wenig Angriffsfläche und vor Ort wird die Flüchtlings-Situation entspannt gesehen: Für 77 Prozent kann das Land die vielen Flüchtlinge verkraften.
Beim für die Bürger eindeutig wichtigsten Thema, Bildung und Schule, wird der SPD (37 Prozent) weiter mehr zugetraut als der CDU (28 Prozent). Zwar gilt die CDU verkehrspolitisch oder bei Innerer Sicherheit als führend, hat aber in einem Land, dessen ökonomische Verfassung jetzt wesentlich besser als 2013 bewertet wird, in den Bereichen Wirtschaft, Jobs oder Zukunft ihren teils hohen Kompetenzvorsprung eingebüßt.
Ihre besten Ergebnisse erzielen CDU und SPD mit 38 bzw. 42 Prozent in der Generation 60plus. Die CDU hat hier Verluste, die SPD legt acht Punkte zu. Die FDP, die 2013 massiv von unionsnahen Wählern profitiert und unter älteren Wählern ungewöhnlich stark abgeschnitten hatte, bricht bei den ab 60-Jährigen ein, bei jüngeren Wählern ist sie stabil. Bei den unter 30-Jährigen können Grüne und Linke mit 13 bzw. sieben Prozent überdurchschnittlich punkten, die AfD ist hier und bei den ab 60-Jährigen mit fünf bzw. vier Prozent eher schwach.
Bei Arbeitern, Angestellten und Beamten wird die SPD mit 41, 39 bzw. 40 Prozent klar stärkste Partei, unter Gewerkschaftsmitgliedern holt sie 49 Prozent. CDU und FDP sind mit 40 bzw. 14 Prozent unter Selbstständigen besonders erfolgreich. Und während die Stadt-Land-Unterschiede bei der SPD gering ausfallen, schafft die CDU in kleinen Städten 39 Prozent, in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern aber nur 24 Prozent.
Drei Wochen nach der Bundestagswahl hat die SPD gezeigt, dass sie auf Landesebene mit Kompetenzen und einem starken Kandidaten Wahlen gewinnen kann. Obwohl in Niedersachsen jetzt auch klassische Lagerpolarisierung und eine echte Konfrontation in der politischen Mitte den Spielraum an den Rändern verengt, reicht es in einem weiteren Landtag mit AfD-Präsenz nicht mehr für die mehrheitlich befürwortete rot-grüne Neuauflage. Neben der großen Koalition bleiben somit nur Drei-Parteien-Bündnisse, die in Niedersachsen auf durchweg wenig Gegenliebe stoßen.

Informationen zu den Umfragen

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.467 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Niedersachsen in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 16.102 Wählern am Wahltag.

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Seite zuletzt geändert am 20.10.2017 um 08:57 Uhr

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