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Wahlanalyse Saarland

Wählervotum große Koalition – Rot-Rot ohne Mehrheit
Kramp-Karrenbauer sichert klaren CDU-Wahlsieg

(27.03.2017) Bei der Landtagswahl im Saarland wird die CDU eindeutig stärkste Partei vor der SPD: Nach ihrem stärksten Plus bei einer Landtagswahl seit fast 12 Jahren erzielen die Christdemokraten 40,7 Prozent (plus 5,5 Prozentpunkte), die SPD verliert leicht und kommt auf 29,6 Prozent (minus 1,0). Die Linke hat mit jetzt 12,9 Prozent (minus 3,3) stärkere Einbußen, die Piraten brechen auf 0,7 Prozent (minus 6,7) ein. Die Grünen – im Saarland grundsätzlich schwach – verlieren ebenfalls ihre Mandate und rutschen mit 4,0 Prozent (minus 1,0) auf ihr schlechtestes Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland seit 1999. Die FDP legt zwar zu, verfehlt aber, kommend von einem historischen Tief, mit 3,3 Prozent (plus 2,0) klar die Fünf-Prozent-Hürde. Die AfD schafft auch im Saarland Mandate, allerdings markieren 6,2 Prozent ihr schwächstes Resultat in einem Flächenland seit Beginn ihres Höhenfluges im Jahr 2014. Alle sonstigen Parteien kommen auf 2,6 Prozent (minus 1,7). Die Wahlbeteiligung erreicht nach einem starken Zuwachs mit 69,7 Prozent (plus 8,1) das höchste Niveau im Saarland seit 1999.
Im Saarland sind hohes Ansehen, Sachkompetenz und eine sehr gute Regierungsbilanz von CDU und SPD zentrale Gründe für ein starkes Votum pro große Koalition. Bei einer Wahl mit regionalem Charakter und wenig bundespolitischem Einfluss kann die SPD kaum vom Schulz-Faktor profitieren, die CDU hatte dagegen vor Ort mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine erstklassige Kandidatin.
Mit einer im Ministerpräsidenten-Vergleich herausragenden Leistungsbilanz – 80 Prozent attestieren ihr gute Arbeit – erzielt die Regierungschefin auf der +5/-5-Skala mit 2,4 einen Top-Imagewert, den sie bei nur schwacher Polarisierung lagerübergreifendem Ansehen verdankt. Zwar wird auch SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger mit 2,1 gut bewertet, ist aber im Eigenschaftsvergleich und der Direktwahlfrage klar unterlegen. 52 Prozent der Saarländer wünschen sich Kramp-Karrenbauer und 36 Prozent Rehlinger als Ministerpräsidentin.
Neben den Kandidaten punkten CDU und SPD mit ihrem Ansehen als Landespartei: Nach einem starken Imageplus liegt die CDU (2,1; 2012: 1,1) jetzt knapp vor der SPD (1,9; 2012: 1,6). Linke (-0,1; 2012: -0,9) und FDP (-0,5; 2012: -2,1) verbessern sich zwar, bleiben aber genau wie die Grünen (-0,4; 2012: -0,2) auffällig blass. Die Saar-AfD, die sich für nur 14 Prozent der Befragten ausreichend von rechtsextremen Mitgliedern und Inhalten abgrenzt, hat mit -3,6 ein noch schlechteres Ansehen als in allen anderen Bundesländern.
Dass 48 Prozent der Saarländer als zukünftige Koalition Schwarz-Rot gut fänden, aber nur 33 Prozent Rot-Rot und 23 Prozent Rot-Rot-Grün (schlecht: 30, 55 bzw. 61 Prozent) erklärt auch die Arbeit der parlamentarischen Kräfte: Grüne und Linke bekommen hier ebenfalls schlechte Noten, wogegen die Zufriedenheit mit der amtierenden Koalition so hoch ausfällt wie bei keiner saarländischen Regierung zuvor.
Ökonomisch sehen zwar die meisten Befragten im Bundesländer-Vergleich weiterhin relative Defizite, doch für inzwischen 70 Prozent (2012: 51 Prozent) hat das Saarland „nach dem Niedergang von Kohle und Stahl den Strukturwandel gut hinbekommen“ und 56 Prozent (2012: 43 Prozent) sprechen von guter Zukunftsvorbereitung. Politisch wird dies am ehesten der CDU gutgeschrieben: In den Bereichen Wirtschaft, Finanzen oder Zukunftspolitik gilt sie als kompetenteste Partei.
Beim wichtigsten Thema, Bildung und Schule, sehen die Bürger den eindeutig größten Sachverstand bei der SPD, die zudem bei der Sozialen Gerechtigkeit führt. Hier genießt nach der CDU auch die Linke Politikvertrauen, ansonsten bleibt die Linke sachpolitisch blass, besitzt aber mit Oskar Lafontaine weiter ein Zugpferd (Imagewert alle: 0,6; Linke-Anhänger: 3,7). Bei den Grünen kommt zu auffällig wenig Kompetenzzuspruch ein schwacher Kandidat: Hubert Ulrich kann selbst die eigenen Anhänger nicht überzeugen (alle: -0,8; Grüne-Anhänger: 0,8).
Das Fundament für den CDU-Wahlsieg legen erneut ältere Wähler: Bei allen unter 60-Jährigen unterdurchschnittlich, holt die CDU in der Generation 60plus mit 50 Prozent ihr mit Abstand bestes Ergebnis, speziell bei den ab 60-jährigen Frauen sind es sogar 56 Prozent. Bei der SPD gibt es kein großes altersspezifisches Gefälle. Unter Arbeitern sowie arbeitslosen Wählern legt die SPD leicht bzw. sichtbar zu, die Linke hat unter Arbeitern deutliche und unter arbeitslosen Wählern heftige Verluste.
Die Grünen, bei älteren Wählern deutlich schwächer als in den meisten anderen westdeutschen Bundesländern, schaffen nur bei den unter 45-Jährigen mehr als fünf Prozent, die FDP verfehlt diese Marke dagegen bei allen ab 30-Jährigen und die AfD bei allen ab 60-Jährigen. Bei den 30- bis 44-jährigen Männern ist die AfD mit elf Prozent relativ stark.
Mit spezifischen Parteistärken und seiner besonderen Sozialstruktur taugt das kleinräumige Saarland kaum als Stimmungstest für den Bund. Die wenigsten ihrer Wähler haben die SPD „nur wegen Martin Schulz“ gewählt. Allerdings zeigt das Ergebnis, dass eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken – im Saarland praktisch einzige Alternativoption – verstärkt auch die Mitte jenseits der SPD mobilisieren kann.

Informationen zu den Umfragen

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.588 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten im Saarland in der Woche vor der Wahl und auf der Befragung von 18.211 Wählern am Wahltag.
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Seite zuletzt geändert am 27.03.2017 um 13:58 Uhr

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