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"Die Parteistrategen sollten die Volkskammerwahl nicht vergessen"

Am 18. März 1990 fand die erste freie Wahl in der DDR statt.
Forscher Matthias Jung beobachtet seitdem eine zunehmende Emotionalisierung der Wähler

BZ: Herr Jung, heute jährt sich die erste (und letzte) freie Volkskammerwahl der DDR zum 15. Male. Sie saßen damals in einem Ballett-Schminkraum im Palast der Republik und sollten zutreffende Umfragen über das völlig unbekannte Wahlverhalten der DDR-Bürger erstellen. Wie haben Sie das angefangen?
Jung : Ganz von vorn. Der SED-Staat hatte keine brauchbaren Umfrageorganisationen. Wir lernten zwei junge Statistiker von der Akademie der Wissenschaften kennen, die haben uns geholfen, das in der kurzen Zeit zu organisieren. Wir haben Ende 1989 versucht, mit der Interviewerorganisation des Rundfunks der DDR zusammen Umfragen zu machen, aber die Ergebnisse waren nicht brauchbar. Wir haben dann lieber etwas ganz Neues aufgebaut.
BZ: Wie wurden die West-Forscher aufgenommen?
Jung: Es gab eine unheimlich hohe Bereitschaft, bei uns mitzumachen, was nicht an der Bezahlung in DM lag. Viele Interviewer hatten vielmehr das Motiv, durch ihr Engagement den korrekten Ablauf der Wahlen zu kontrollieren. Bekanntlich hatte die SED zuvor die Ergebnisse der Kommunalwahlen manipuliert.
BZ: Viele Politiker und auch Meinungsforscher rechneten damals mit einem klaren Sieg der SPD im Noch-Arbeiter-und Bauern-Staat.
Jung : Dieser Mainstream beruhte auch auf der Geschichte in Kaiserreich und Weimarer Republik, wo die Länder Thüringen und Sachsen stark vom Arbeitermilieu geprägt waren, mit hohen SPD- und KPD-Anteilen bei Wahlen.
BZ: Welche Prognose hatten Sie?
Jung : Keine, dazu mussten wir zu viel arbeiten. Unsere erste Umfrage war ja erst kurz vor der Volkskammerwahl fertig mit einem richtigen Ergebnis. Aber davor hatte mich stutzig gemacht, dass allein bei den sechs Großveranstaltungen mit Helmut Kohl nach unserer Schätzung etwa jeder zehnte Wahlberechtigte der DDR anwesend war. Bei Willy Brandt, bei der zentralen SPD-Großkundgebung, nur ein Bruchteil davon. Deshalb habe ich eigentlich nicht mit einem SPD-Durchmarsch gerechnet.
BZ: Die SPD schon. Ihre Enttäuschung am Wahlabend war groß: Nur 21,8 Prozent. Helmut Kohls konservative "Allianz für Deutschland" kam auf 48, 1 Prozent. Die verdienten Bürgerrechtler etwa des Neuen Forums kamen nur noch am Rande vor.
Jung : Kohl und die Allianz haben die extreme Euphorie aufgegriffen damals. Viele DDR-Bürger haben die Wahl als Aufbruch auch in eine prosperierende ökonomische Zukunft gesehen. Die SPD jenseits von Willy Brandt hatte dagegen eine ambivalente Haltung im Wahlkampf, irgendwie hoffte man in der SPD um Oskar Lafontaine auf einen Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. So konnte man keine überzeugende Botschaft formulieren.
BZ: Was bleibt von dieser Volkskammerwahl ?
Jung :Es wurden Grundlinien gelegt, die bis heute fortwirken, etwa die hohen CDU-Anteile in Sachsen und Thüringen. Vor allem aber ist damals ein Kontrastprogramm zu den Wahlen im Westen sichtbar geworden. Im Westen wählen Arbeiter traditionell SPD, Nichtarbeiter andere Parteien. Das war 1990 im Osten völlig anders. Unter anderem haben wir heute hohe PDS-Anteile bei den Beamten im Osten - im Westen undenkbar. Eine gewachsene Parteibindung jenseits der alten SED-Wähler gibt es im Osten immer noch nicht ...
BZ: ...weswegen der Ost-Bürger als Wechselwähler oder Nichtwähler von Politikern gefürchtet wird. Aber auch im Westen lockern sich Parteibindungen. Ist der Osten Vorreiter?
Jung : Ja. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass das modernere Wahlverhalten in den letzten Jahren in den neuen Ländern zu beobachten ist, im Westen entwickelt sich das wegen bestehender Bindungen langsamer.
BZ: Das heißt, wenn eine Partei mit den eher wählerischen Wählern im Osten klarkommt, dann ist sie auch gerüstet für die sich ändernden Wahlgepflogenheiten im Westen?
Jung : Ja, das spielt eine zunehmende Rolle. Wahlkämpfe werden wichtiger, die Wahlentscheidung fällt immer später. Die Emotionalisierung und Polarisierung, wie sie 1990 zu erleben war, wird zunehmen. Die Parteien tun deshalb gut daran, die Volkskammerwahl nicht zu vergessen, wenn sie heute über ihre Strategien nachdenken.
Interview: Thomas Rogalla, Berliner Zeitung, 18. März 2005.

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Seite zuletzt geändert am 14.11.2011 um 12:17 Uhr

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