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Wahlanalyse Europa 2019

Unions-Verluste, SPD-Einbruch, Grüne stark wie nie – Politik in Europa erstmals wichtiger als Bundespolitik

(Mannheim, 27.5.2019) Bei der Europawahl fallen Union und SPD auf historische Tiefststände: Die CDU/CSU kommt auf 28,9 Prozent (minus 6,5) und die SPD auf 15,8 Prozent (minus 11,4). Die Grünen werden mit einem Rekordergebnis von 20,5 Prozent (plus 9,8) erstmals zweitstärkste politische Kraft bei einer bundesweiten Wahl. Die AfD legt zu auf 11,0 Prozent (plus 3,9), Linke (5,5 Prozent; minus 1,9) und FDP (5,4 Prozent, plus 2,1) bleiben schwach. Die sonstigen Parteien verzeichnen mit zusammengenommen 12,9 Prozent (plus 4,0) viel Zuspruch. Mandate erzielen bei einer Wahl ohne Sperrhürde dabei die Partei mit 2,4 Prozent, die Freien Wähler mit 2,2 Prozent, die Tierschutzpartei mit 1,4 Prozent, die ÖDP mit 1,0 Prozent, die Familienpartei mit 0,7 Prozent, Volt Deutschland mit 0,7 Prozent sowie die Piratenpartei mit 0,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung steigt bei einer ungewohnt starken europapolitischen Komponente der Wahl sehr deutlich auf 61,4 Prozent (plus 13,3) an – die höchste Wahlbeteiligung bei einer Europawahl im vereinten Deutschland.
Verantwortlich für die Unionsverluste und das SPD-Desaster sind relative Defizite bei Parteiansehen, Regierungsarbeit Sachkompetenz und Spitzenpersonal. Zwar werden die Europa-Kandidaten von Union und SPD, Manfred Weber (Ansehen auf +5/-5-Skala: 1,4) und Katarina Barley (1,1) positiv bewertet, entwickeln bei geringer Bekanntheit aber nur bedingt Zugkraft. Annegret Kramp-Karrenbauer (0,6) und vor allem Andrea Nahles (minus 0,2) bleiben schwach: Nur 22 Prozent der Befragten halten die CDU-Chefin und nur 16 Prozent die SPD-Vorsitzende als hilfreich für das Abschneiden ihrer Partei. 38 Prozent sehen für die Union diese Hilfe in Angela Merkel, die beim Image (1,3; 2014: 2,3) aber weit weniger überzeugt als 2014.
Während 66 Prozent meinen, dass traditionell-konservative Positionen in der CDU zuletzt eine „zu große Rolle“ spielten, profitieren die Grünen von erheblich gewachsener Akzeptanz in der politischen Mitte: Mit viel Reputation auch in anderen politischen Lagern stehen die Grünen für 52 Prozent für eine „moderne, bürgerliche Politik“. Beim Parteiansehen auf der +5/-5-Skala haben die Grünen mit 1,2 (2014: 0,2) die CDU (1,2; 2014: 1,7) eingeholt und die SPD (0,8; 2014: 1,5) überholt; bei den Kompetenzen im Bereich Klimaschutz werden Union und SPD von den Grünen regelrecht deklassiert.
Zudem wird die Arbeit der Großen Koalition deutlich schwächer bewertet (0,5; 2014: 1,3) und speziell europapolitisch fühlen sich weniger Wähler von Union oder SPD vertreten als vor fünf Jahren. 41 Prozent der Befragten kritisieren zu wenig Einsatz der Bundesregierung für ein starkes Europa (zu viel: 13 Prozent; gerade richtig: 41 Prozent) - bei einer Europawahl, bei der die Politik in Europa (56 Prozent; 2014: 40 Prozent) für die Wähler erstmals wichtiger war als die Bundespolitik (38 Prozent; 2014: 54 Prozent).
Flankiert von vielen, auch europaweit wichtigen Themen wie Flüchtlinge, Klimawandel, (Rechts-)Populismus oder Brexit interessieren sich jetzt 64 Prozent stark für die Wahl und 49 Prozent stark für Europapolitik (2014: 40 bzw. 33 Prozent). Nach einem erheblichen Bedeutungszuwachs zu früheren Jahren halten inzwischen 71 Prozent (2014: 56 Prozent) Entscheidungen des Europaparlaments persönlich für wichtig. Zwar sind nur 40 Prozent (2014: 26 Prozent) zufrieden damit, wie in Europa Politik gemacht wird. Doch mit 55 Prozent (2014: 32 Prozent) sehen so viele wie noch nie direkt vor einer Europawahl in der EU-Mitgliedschaft Vorteile für die deutsche Bevölkerung.
Konträr zur pro-europäischen Grundstimmung in Deutschland insgesamt sehen die AfD-Anhänger die EU-Mitgliedschaft eher kritisch, beklagen zu viel Einfluss der EU und fordern mehr nationale Eigenständigkeit. Für 63 Prozent der AfD-Wähler (alle Befragten: zehn Prozent) sind „die Rechtspopulisten in Europa die Einzigen, die sich um die wirklichen Interessen der Bürger kümmern“. Dagegen sehen unter allen Befragten 80 Prozent im Erfolg europakritischer, populistischer und rechter Parteien ein großes Problem für die Zukunft der EU.
Beim Parteiansehen können sich Linke (minus 0,4; 2014: minus 0,9) und FDP (0,2; 2014: minus 1,0) verbessern, allerdings ohne zu überzeugen. Das Image der AfD ist seit ihrem ersten großen Erfolg bei der letzten Europawahl mit minus 3,1 (2014: minus 1,5) nochmals klar gesunken; nach Meinung von 79 Prozent ist rechtsextremes Gedankengut in der AfD weit verbreitet. Den stärksten Zuspruch erhält die AfD wie gewohnt bei Männern mittleren Alters, im Osten wird sie bei allen männlichen Wählern stärkste Partei. Die Freien Wähler schneiden in allen Altersgruppen ähnlich ab, die Tierschutzpartei punktet bei jüngeren Wählern etwas stärker, die Partei kommt bei den 18- bis 29-Jährigen auf sieben Prozent.
Die CDU/CSU verdankt ihren Wahlsieg noch mehr als zuletzt der älteren Generation: Unter den beteiligungsstarken ab 60-jährigen Wählern holt sie fast unverändert 41 Prozent (minus eins), bei den 18- bis 29-Jährigen bricht sie auf gerade noch 14 Prozent ein (minus 14). Die Grünen werden nicht nur bei den 18- bis 29-Jährigen mit 31 Prozent klar stärkste Kraft, sondern liegen jetzt auch bei allen unter 60-jährigen Wählern knapp vor der CDU/CSU (25 bzw. 23 Prozent). In der Generation 60plus legen die Grünen zwar ebenfalls klar zu, bleiben aber mit 13 Prozent (plus neun) relativ schwach. Die SPD schafft bei den ab 60-Jährigen nach starken Verlusten noch 22 Prozent (minus zwölf), von allen unter 60-Jährigen wählen gerade noch neun Prozent SPD (minus zehn).
Obwohl sich mit einer schwachen Union und einer indisponierten SPD Basistrends von anderen Wahlebenen bestätigen, taugt die Europawahl nur bedingt als Stimmungstest für den Bund: Bei nur wenig Parteien- und Personenwettbewerb, ohne Sperrhürde und ohne koalitionstaktische Wahlmotive bleibt die Europawahl ein Unikat. Bei länderübergreifend wichtigen Themen, deutlich mehr Europa-Bewusstsein und mehr Beteiligung hat sich der bislang typische Nebenwahl-Charakter aber klar abgeschwächt.

Informationen zu den Umfragen

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.123 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Deutschland in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 54.054 WählerInnen am Wahltag.
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Seite zuletzt geändert am 27.05.2019 um 14:17 Uhr

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