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Wahlanalyse Hamburg 2020

SPD-Wahlsieg, CDU-Debakel und Grüne auf Rekord-Niveau – Votum für rot-grünen Senat bei lokal geprägter Wahl

(Mannheim, 25.02.2020) Bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg bleibt die SPD trotz Verlusten klar stärkste Kraft: Nach dem vorläufigen Ergebnis erreicht die SPD 39,2 Prozent der Landesstimmen (minus 6,4 Prozentpunkte). Die Grünen holen mit 24,2 Prozent (plus 11,9) ihr bestes Ergebnis außerhalb Baden-Württembergs. Die CDU fällt mit 11,2 Prozent (minus 4,7) auf ihr schwächstes Landtagswahl-Ergebnis seit fast 70 Jahren. Die Linke legt leicht zu auf 9,1 Prozent (plus 0,6). Die FDP kommt auf 4,9 Prozent (minus 2,5) und die AfD auf 5,3 Prozent (minus 0,8). Die sonstigen Parteien erreichen zusammen 6,1 Prozent (plus 1,9), die Wahlbeteiligung steigt auf 63,2 Prozent (plus 6,7).
Entschieden wurde die Bürgerschaftswahl primär vor Ort: Zwar meinen 70 bzw. 74 Prozent der Befragten, dass Thüringen und die Folgen der CDU bzw. der FDP in Hamburg geschadet haben. Bei der Wahl entscheidend war aber für 71 Prozent die Politik im Stadtstaat (im Bund: 23 Prozent). Hier punkten SPD und Grüne mit überzeugender Senatsarbeit, Sachkompetenz und Top-Werten beim Parteiansehen. Speziell die SPD profitiert von einem überlegenen Spitzenkandidaten, mit dem die Bürgerschaftswahl einmal mehr auch zu einer Bürgermeisterwahl avanciert.
So übertrifft Peter Tschentscher (SPD) nach nur knapp zwei Jahren im Amt bei Leistung und Ansehen die meisten anderen Länder-Regierungschefs: 79 Prozent der Befragten bescheinigen dem Bürgermeister gute Arbeit; beim Image (+5/-5-Skala: 2,7) schafft er das selten hohe Niveau von Vorgänger Olaf Scholz (2015: 2,7). Seine Herausforderin von den Grünen, Katharina Fegebank (1,7; 2015: 0,7), wird zwar ebenfalls klar positiv bewertet. Als Erste/n Bürgermeister/in wollen aber nur 27 Prozent Fegebank, 57 Prozent sind hier für Tschentscher.
Flankiert wird das zugkräftige Spitzenpersonal von SPD und Grünen von bemerkenswert hohem Ansehen ihrer Parteien: Die Hamburger Grünen erreichen auf der +5/-5-Skala sehr gute 1,8 (2015: 1,1), die SPD schafft überragende 2,5 (2015: 2,7). In keinem Bundesland hat eine Partei mehr Reputation, wobei die Befragten klar differenzieren: Die Bundes-SPD wird mit 1,0 (2015: 2,0) von den Hamburgern weit weniger positiv bewertet.
Bei der CDU kommt zu gesunkenem Ansehen der Bundespartei (0,6; 2015: 1,7) ein sehr niedriges Ansehen in der Hansestadt (0,0; 2015: 0,5) und ein nicht konkurrenzfähiger Kandidat Marcus Weinberg (+5/-5-Skala: 0,4). Für gerade elf Prozent der Hamburger steht die CDU für moderne Großstadtpolitik. 25 Prozent nennen hier die Grünen und 40 Prozent die SPD, die auch generell für 80 Prozent „am besten zu Hamburg passt“.
Hinzu kommen bei der CDU heftige inhaltliche Defizite: Beim Hamburger Top-Thema „Verkehr“ setzen nur noch 13 Prozent auf CDU-Politik, aber 36 auf die Grünen und 24 Prozent auf die SPD. Bei „Wohnungsmarkt“ und „Bildung“ wird die CDU von einer SPD deklassiert, die mit ungewöhnlich viel ökonomischen Qualitäten auch das hanseatisch-wirtschaftsliberale Milieu erreicht: An einem – nach Meinung der Hamburger – ökonomisch hervorragend aufgestellten Standort liegt die SPD selbst wirtschaftspolitisch weit vor der CDU (44 bzw. 18 Prozent).
Getragen wird der SPD-Wahlsieg von der Generation 60plus: Unter den älteren Wählern kann die SPD sogar leicht zulegen und holt überragende 56 Prozent (plus drei Prozentpunkte). Bei allen unter 60-Jährigen schafft die SPD noch 33 Prozent (minus zehn). Die Grünen sind mit 30 Prozent (plus 14) bei den unter 60-Jährigen dreimal so stark wie die CDU (zehn Prozent, minus vier), bei allen unter 45-Jährigen werden die Grünen stärkste Kraft. Bei den unter 30-Jährigen kommt die CDU auf lediglich sieben Prozent, bei den ab 60-Jährigen schafft sie noch 15 Prozent.
Die AfD erzielt ihre relativ besten Ergebnisse bei den ab 45- bis Männern (acht Prozent), die FDP liegt bei den Selbstständigen über dem Schnitt (neun Prozent). Für die Linke stimmen mit 14 Prozent relativ viele unter 30-Jährige, bei den ab 60-Jährigen kommt die Linke nur auf sechs Prozent.
Der Linken, bei „Wohnungsmarkt“ und „soziale Probleme lösen“ mit mehr Zuspruch als die CDU, gelingt wie zuletzt überall im Westen eine Imagekorrektur (minus 0,3; 2015: minus 1,2). Die Hamburger FDP wird als Partei kritisch gesehen (minus 0,7; 2015: minus 0,8), und das schon zuletzt sehr schlechte Ansehen der AfD ist wie in anderen Bundesländern nochmals gesunken: Auf der +5/-5-Skala bei miserablen minus 4,0 (2015: minus 2,9), sehen 87 Prozent aller Hamburger rechtsextremes Gedankengut in der AfD weit verbreitet.
Am Ende war die 22. Bürgerschaftswahl bei viel Lokalkolorit ein überdeutliches Votum für Kontinuität im Senat mit mehr grünem Anstrich. 61 Prozent fänden eine rot-grüne Neuauflage gut (schlecht: 18 Prozent; egal: 18 Prozent). Neben hoher Regierungszufriedenheit und individuellen Stärken liegt das auch an der Konkurrenzsituation, wo einer im urbanen Umfeld extrem schwachen CDU inzwischen auch jeder bundespolitische Rückenwind fehlt. Und bei der AfD wird deutlich, dass deren Erfolg – bei einer eindeutigen Haltung der allermeisten Bürger zu dieser Partei – zumindest in einer prosperierenden und weltoffenen Großstadt klare Grenzen hat.

Informationen zu den Umfragen

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.607 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Hamburg in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 15.537 WählerInnen am Wahltag.
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Seite zuletzt geändert am 25.02.2020 um 14:48 Uhr

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