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Wahlanalyse Sachsen 2019

Kretschmer sichert verlustreichen CDU-Wahlsieg – AfD trotz fehlendem Politikvertrauen stark wie nie

(Mannheim, 03.09.2019) Bei der Landtagswahl in Sachsen fällt die CDU auf ihr bislang schwächstes Ergebnis im Freistaat, bleibt aber mit 32,1 Prozent (minus 7,3 Prozentpunkte) stärkste Partei. Die AfD erzielt nach dem stärksten Plus einer Partei bei Landtagswahlen im Osten mit 27,5 Prozent (plus 17,7) ihr bislang bestes Ergebnis in einem Bundesland. Die Linke bricht auf 10,4 Prozent ein (minus 8,5) und die SPD rutscht mit 7,7 Prozent (minus 4,6) auf ihr schlechtestes Ergebnis bei Landtagswahlen überhaupt. Die Grünen legen zu auf 8,6 Prozent (plus 2,9), die FDP scheitert mit 4,5 Prozent (plus 0,7) genau wie die Freien Wähler mit 3,4 Prozent (plus 1,7) an der Fünf-Prozent-Hürde, die sonstigen Parteien erreichen zusammen 5,8 Prozent (minus 2,6). Die Wahlbeteiligung steigt nach dem zweitstärksten Plus bei Landtagswahlen auf 66,6 Prozent (plus 17,4).
Für den AfD-Erfolg gibt es viele Gründe: Gewählt wird die AfD aus Protest, Unzufriedenheit oder Überzeugung von Bürgern mit spezifischen Ansichten, die viel Distanz zu Establishment und Eliten haben, sich oft benachteiligt fühlen und in der AfD eine Kommunikationsplattform sehen. Unter allen Sachsen gibt es an der faktischen Politikkompetenz der AfD aber erhebliche Zweifel. Knapp zwei Drittel lehnen eine Regierungsbeteiligung der AfD ab. Bei der CDU fänden dagegen die meisten Sachsen eine erneute Regierungsverantwortung gut. Ein Grund hierfür ist zunächst ein starker Spitzenkandidat, bei Ansehen und Regierungsarbeit überzeugt die CDU jetzt weniger als früher.
So hat Michael Kretschmer (CDU) mit hervorragendem Ansehen (+5/-5-Skala: 2,3) und einer auch im Ministerpräsidenten-Vergleich sehr guten Leistungsbilanz (gute Arbeit: 77 Prozent) ähnlich viel Zugkraft wie seine Amtsvorgänger Tillich oder Milbradt. 57 Prozent bevorzugen Kretschmer und nur neun Prozent Rico Gebhardt (Linke) als Regierungschef. Im Duell CDU- gegen AfD-Spitzenkandidat sind 60 Prozent für Kretschmer und nur zwölf Prozent für Jörg Urban (AfD).
Zwar genießt die CDU in Sachsen weiter die höchste Reputation aller Parteien, hat aber vor Ort und noch stärker als Bundespartei Imageverluste. Die Regierungsarbeit der Sachsen-CDU wird jetzt ebenfalls weniger gut bewertet (+5/-5-Skala: 1,3; 2014: 2,0), aber immer noch deutlich besser als die der SPD (0,5; 2014 als Opposition: 1,0). Linke (minus 0,5; 2014: 0,3) und Grüne (minus 0,3; 2014: 0,2) können leistungsbezogen nicht überzeugen. Die AfD (minus 1,9) bekommt für ihre politische Arbeit schlechte Noten und 62 Prozent sehen in dieser Partei rechtsextremes Gedankengut weit verbreitet.
Als Partei hat die AfD ein klares Negativimage, wobei die Sachsen der AfD mit merklich weniger Distanz begegnen als die Wahlberechtigten in anderen Bundesländern. Gewählt wird die AfD von 28 Prozent als „Denkzettel“ und von 70 Prozent „wegen ihrer politischen Forderungen“. Bundesregierung und Kanzlerin werden im AfD-Lager sehr kritisch bewertet und für 95 Prozent ihrer Wähler (alle Befragte: 37 Prozent) nennt die AfD als „einzige Partei die wichtigen Probleme beim Namen“. Klar wichtigstes Thema ist für die AfD-Wähler dabei der Bereich Ausländer/Flüchtlinge, wogegen alle Sachsen inzwischen auch im Bereich Rechte/AfD ein großes Problem ihres Landes sehen.
Im Bereich Ausländer erzielt die AfD bessere Kompetenzwerte als die CDU, bei den anderen Top-Themen Bildung/Schule und Infrastruktur gilt die CDU als führend, die Grünen punkten beim Klimaschutz. In der Frage, wer sich am ehesten um die Sorgen der Ostdeutschen kümmert, nennen 20 Prozent die CDU, 21 Prozent die Linke und 19 Prozent die AfD, die hier inzwischen noch stärker als die Linke eine spezifische Klientel anspricht: Unter AfD-Wählern meinen 70 Prozent (alle: 54 Prozent), „die Ostdeutschen werden behandelt wie Bürger zweiter Klasse“ und 51 Prozent der AfD-Wähler (alle: 29 Prozent) fühlen sich im Leben benachteiligt.
Ihre Wähler rekrutiert die AfD inzwischen auf breiter Front. Bei Männern ist sie dabei wie gewohnt deutlich erfolgreicher als bei Frauen (33 bzw. 22 Prozent), bei der CDU ist das umgekehrt (Männer/Frauen: 29 bzw. 35 Prozent). In erster Linie profitiert die CDU aber von der Generation 60plus: Hier schafft sie fast unverändert 42 Prozent und die AfD 24 Prozent. Bei allen unter 60-Jährigen liegt die AfD leicht vor der CDU, bei den unter 60-jährigen Männern wird die AfD mit Abstand stärkste Partei.
Die Linke hat bei den ab 60-Jährigen zweistellige Verluste. Mit 13 Prozent liegt sie hier aber noch über dem Schnitt, bei den 30- bis 59-Jährigen liegt die Linke darunter. Die AfD verfehlt bei den unter 30-Jährigen mit 21 Prozent ihr Gesamtergebnis, die CDU schafft hier nur 16 Prozent. Die Grünen sind mit 19 Prozent bei den unter 30-Jährigen stark, bei den ab 60-Jährigen schaffen sie nur vier Prozent.
Trotz CDU-Verlusten und starker Polarisierung war die Wahl für die Mehrheit der Sachsen auch ein Votum für politische Kontinuität und gegen AfD-Verantwortung: Während es 55 Prozent richtig finden (nicht richtig: 41 Prozent), dass die CDU eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen hat, möchten 65 Prozent die CDU weiter als Regierungspartei (dagegen: 16 Prozent). Eine Regierungsbeteiligung der AfD fänden nur 30 Prozent gut (schlecht: 62 Prozent), wofür letztendlich auch fehlendes Politikvertrauen verantwortlich ist: Lediglich 24 Prozent der Sachsen erwarten bessere Politik (schlechter: 54 Prozent), wenn die AfD zukünftig mitregieren würde.

Informationen zu den Umfragen

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.071 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Sachsen in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 18.411 WählerInnen am Wahltag.
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Seite zuletzt geändert am 04.09.2019 um 09:50 Uhr

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